Wärmepumpe im Altbau — Heizkörper-Strategie für Installateure
Heizkörper-Strategie für die Wärmepumpe im Altbau: Kennlinie n = 1,3, Probewinter, Schnellprüfung je Raum, gezielter Typ-Tausch — mit Rechenbeispielen.
„Müssen alle Heizkörper raus?" — die Standardfrage jedes Altbau-Kunden, und die teuerste, wenn sie pauschal beantwortet wird. Der Komplettaustausch kostet schnell 5.000–10.000 € und rechnet sich fast nie; „alles bleibt" riskiert kalte Räume und eine Vorlauftemperatur, die die Jahresarbeitszahl ruiniert. Die richtige Antwort liefert eine Rechnung, die pro Heizkörper zwei Minuten dauert. Dieser Leitfaden zeigt die Systematik für die Betriebspraxis: Kennlinie, Probewinter, raumweise Schnellprüfung, Tauschstrategie — mit durchgerechnetem Beispielprojekt.
Das Wichtigste in Kürze
- Heizkörperleistung folgt der Kennlinie Q = Q_Norm × (ΔT/50 K)^1,3: Bei 55/45 °C bleiben rund 51 % der Normleistung (EN 442, 75/65/20 °C), bei 45/35 °C nur noch 30 %.
- Übertemperatur = Heizkörper-Mitteltemperatur minus Raumtemperatur — nicht minus Außentemperatur (der häufigste Rechenfehler).
- Schnellprüfung: Heizkörper bleibt, wenn Normleistung ≥ 2 × Raumheizlast (Ziel 55/45) bzw. ≥ 3 × (Ziel 45/35).
- Meist müssen nur zwei bis vier kritische Heizkörper getauscht werden (Typ 11 → 22/33, 500–1.200 € pro Stück inkl. Montage) — der wärmste Raum diktiert die Vorlauftemperatur fürs ganze Haus.
- Der Probewinter (Bestandskessel auf die Ziel-Vorlauftemperatur begrenzen) findet die Tauschkandidaten kostenlos.
Die Physik: Übertemperatur hoch 1,3
Die Wärmeabgabe eines Heizkörpers hängt nicht von der Vorlauftemperatur allein ab, sondern von der Übertemperatur ΔT — der Differenz zwischen mittlerer Heizkörpertemperatur und Raumtemperatur. Die Normleistung nach DIN EN 442 gilt für 75/65/20 °C, also ΔT = (75 + 65)/2 − 20 = 50 K. Sinkt die Übertemperatur, fällt die Leistung überproportional:
Q = Q_Norm × (ΔT ÷ 50 K)^n mit n ≈ 1,3 für Plattenheizkörper
Der Exponent über 1 hat einen physikalischen Grund: Mit sinkender Temperatur lässt auch der konvektive Auftrieb nach — die Luftwalze am Heizkörper wird schwächer. Für die Praxis genügt die arithmetische Mitteltemperatur; die Norm rechnet streng genommen mit der logarithmischen Übertemperatur, der Unterschied liegt bei üblichen Spreizungen aber nur um ein Prozent.
| Systemtemperatur (VL/RL, Raum 20 °C) | Übertemperatur ΔT | Leistungsfaktor |
|---|---|---|
| 75/65 °C (Norm) | 50 K | 1,00 |
| 65/55 °C | 40 K | 0,75 |
| 55/45 °C | 30 K | 0,51 |
| 50/40 °C | 25 K | 0,41 |
| 45/35 °C | 20 K | 0,30 |
| 40/30 °C | 15 K | 0,21 |
Zwei Konsequenzen für die Planung: Erstens ist die Raumtemperatur Teil der Rechnung — im 24 °C warmen Bad hat derselbe Heizkörper bei 50/40 °C nur noch 21 K statt 25 K Übertemperatur und damit nochmals rund ein Sechstel weniger Leistung. Zweitens war die alte Kesselanlage fast immer überdimensioniert: Die raumweise Heizlast nach DIN EN 12831 liegt oft 20–40 % unter der Alt-Auslegung — genau diese stille Reserve macht viele Bestandsheizkörper wärmepumpentauglich.
Schritt 1: Der Probewinter — der kostenlose Praxistest
Bevor irgendeine Tauschliste entsteht: Begrenzen Sie die Vorlauftemperatur der bestehenden Heizung eine Frostperiode lang auf die geplante Ziel-Vorlauftemperatur (typisch 45–50 °C, konservativ 55 °C) — einstellbar an Kesselregelung oder Heizkurve. Werden alle Räume auch an kalten Tagen warm, sind die Heizkörper tauglich; bleiben einzelne Räume kalt, sind die Tauschkandidaten gefunden, ohne dass ein Euro ausgegeben wurde. Der Test ersetzt die Heizlastberechnung nicht, aber er erdet jede Diskussion mit dem Kunden — und entlarvt nebenbei hydraulische Problemzonen (ferne Stränge, die nicht durchströmt werden).
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Jetzt startenSchritt 2: Raumweise Schnellprüfung — die 2×/3×-Regel
Für jeden Raum braucht es zwei Zahlen: die Heizlast nach DIN EN 12831 (raumweise, Details in Artikel P01) und die Normleistung des vorhandenen Heizkörpers (Typ + Maße → Herstellertabelle). Dann gilt die Schnellprüfung:
Ein Heizkörper bleibt, wenn seine Normleistung mindestens das Doppelte der Raumheizlast beträgt (Ziel 55/45 °C, Faktor 0,51) bzw. gut das Dreifache (Ziel 45/35 °C, Faktor 0,30).
Durchgerechnetes Beispiel Kinderzimmer: 14 m², Heizlast 700 W. Vorhanden: Typ 11, Bauhöhe 600, Länge 1.000 mm — Normleistung rund 950 W (Herstellerwerte gerundet).
- Bei 55/45 °C: 950 × 0,51 = 485 W → deutlich zu wenig.
- Bei 65/55 °C: 950 × 0,75 = 713 W → reicht knapp — aber dann müsste das ganze Haus mit 65 °C fahren.
- Tausch auf Typ 33 gleicher Baulänge (Norm ≈ 2.400 W): bei 50/40 °C sind das 2.400 × 0,41 = 984 W → reicht mit Reserve; selbst 45/35 °C (720 W) wäre knapp möglich.
Genau das ist die Kernlogik der Altbau-Strategie: Der schwächste Raum diktiert die Vorlauftemperatur des gesamten Systems. Ein einziger getauschter 500-€-Heizkörper erspart allen anderen Räumen dauerhaft 5–8 K Übertemperatur — bei 2–2,5 % Effizienz je Kelvin sind das 10–20 % Stromersparnis fürs ganze Haus.
Schritt 3: Größenordnungen und Tauschwege
Für die Vor-Ort-Bewertung ohne Datenblatt helfen Größenordnungen je Meter Baulänge (Bauhöhe 600 mm, Normleistung 75/65/20 °C; Herstellerdaten maßgeblich, Streuung ±15 %):
| Typ | Aufbau | Normleistung je m (H 600) | bei 55/45 (× 0,51) | bei 45/35 (× 0,30) |
|---|---|---|---|---|
| 11 | 1 Platte, 1 Konvektorblech | ≈ 900–1.000 W | ≈ 460–510 W | ≈ 270–300 W |
| 21 | 2 Platten, 1 Konvektorblech | ≈ 1.200–1.400 W | ≈ 610–710 W | ≈ 360–420 W |
| 22 | 2 Platten, 2 Konvektorbleche | ≈ 1.500–1.800 W | ≈ 770–920 W | ≈ 450–540 W |
| 33 | 3 Platten, 3 Konvektorbleche | ≈ 2.100–2.600 W | ≈ 1.070–1.330 W | ≈ 630–780 W |
Wo die Leistung nicht reicht, gibt es vier Ertüchtigungswege:
- Typ-Upgrade in gleicher Baulänge (Typ 11 → 22/33): doppelte bis dreifache Leistung bei identischen Anschlussmaßen, 500–1.200 € pro Stück inklusive Montage — der Standardweg, oft in ein bis zwei Stunden erledigt.
- Zusätzlicher Heizkörper im Raum: 400–900 € inklusive Anbindung, sinnvoll bei großen Räumen mit nur einer Heizfläche.
- Niedertemperatur-/Gebläsekonvektor: volle Leistung schon bei 40–45 °C Vorlauf, 600–1.500 € pro Gerät plus Stromanschluss — ideal für Bad und hartnäckige Problemräume; viele Modelle können im Sommer sogar kühlen.
- Flächenheizung nachrüsten (Fräs- oder Dünnschichtsystem): energetisch das Optimum (30–35 °C Vorlauf), aber mit grob 8.000–15.000 € fürs ganze Haus fast nur wirtschaftlich, wenn Böden ohnehin erneuert werden. Der gezielte Teiltausch liefert erfahrungsgemäß 80 % des Effekts für 20 % der Kosten.
Fürs Bad zusätzlich der pragmatische Klassiker: Badheizkörper mit elektrischem Heizstab — der Handtuchtrockner zwingt dann nicht mehr die Heizkurve des ganzen Hauses nach oben.
Schritt 4: Beispielprojekt — EFH Baujahr 1975, komplett entschieden
Teilsaniertes Einfamilienhaus (Fenster neu, OG-Decke gedämmt), Heizlast 9,6 kW, 12 Heizkörper, Ziel-Systemtemperatur 50/40 °C:
| Raum | Heizlast | Bestand (Norm 75/65) | Leistung bei 50/40 | Entscheidung |
|---|---|---|---|---|
| Wohnzimmer | 1.700 W | 2 × Typ 21 (je 1.500 W) | 1.230 W | 1 × auf Typ 33 tauschen → 1.722 W |
| Küche | 700 W | Typ 11 (950 W) | 390 W | auf Typ 33 tauschen → 984 W |
| Kinderzimmer | 700 W | Typ 11 (950 W) | 390 W | auf Typ 33 tauschen → 984 W |
| Bad (24 °C) | 650 W | Typ 22 (1.300 W) | 421 W* | Gebläsekonvektor oder E-Heizstab |
| Schlafzimmer (18 °C) | 700 W | Typ 22 (1.600 W) | 718 W* | bleibt |
| übrige 7 Räume | 5.150 W | Typ 21/22, reichlich | ausreichend | bleiben |
*Bad und Schlafzimmer mit angepasster Übertemperatur gerechnet (Raum 24 bzw. 18 °C) — die Solltemperatur verschiebt den Faktor spürbar.
Ergebnis: Drei Typ-Upgrades plus eine Bad-Lösung statt zwölf neuer Heizkörper. Die Kosten, angelehnt an marktübliche Sätze:
| Position | Richtwert |
|---|---|
| 3 Heizkörper tauschen (Material + Montage) | ca. 1.500–2.400 € |
| 12 voreinstellbare Thermostatventile | ca. 1.200 € |
| Hydraulischer Abgleich Verfahren B (Berechnung + Einstellung) | 500–1.000 € |
| optional: Gebläsekonvektor Bad | 600–1.500 € |
| Summe HK-Paket (ohne Bad-Option) | 3.200–4.600 € |
Zwei Effekte zahlen das Paket zurück: Die Systemtemperatur sinkt von 55/45 auf 50/40 °C (rund 10 % Effizienz), und die rechnerische JAZ bleibt über der Fördergrenze 3,0 — wer mit zu kleinen Heizflächen plant, riskiert im schlechtesten Fall den kompletten KfW-Zuschuss. Und: Erfolgt der Tausch im Zuge des Wärmepumpen-Einbaus, zählt er als Umfeldmaßnahme zu den förderfähigen Kosten der Heizungsförderung (KfW 458, 30–80 %; BEG-Reform, gültig ab 21.07.2026); bei 46 % Fördersatz bleiben von 3.500 € nur rund 1.890 € Eigenanteil.
Warmwasser im Heizkörper-Altbau: kurz und konkret
Die Trinkwarmwasserbereitung ändert an der Heizkörperfrage nichts, gehört aber ins Konzept: WP-tauglicher Speicher mit großer Tauscherfläche (200–300 l im Familienhaushalt), Solltemperatur 50–55 °C plus wöchentlicher Legionellen-Aufheizung per Heizstab, Ladung über die Vorrangschaltung in Randzeiten. Ein pauschaler Leistungszuschlag auf die Heizlast ist auch hier falsch — es gelten 0,2–0,3 kW je Person (Details in Artikel P02).
Checkliste: Heizkörper-Strategie im Projekt
- Raumweise Heizlast nach DIN EN 12831 (nicht die alte Kesselleistung!)
- Probewinter vereinbart oder ausgewertet (Ziel-VL an der Bestandsregelung begrenzen)
- Jeden Heizkörper erfasst: Typ, Bauhöhe, Länge, Zustand → Normleistung aus Herstellertabelle
- Schnellprüfung je Raum: Norm ≥ 2 × Heizlast (55/45) bzw. ≥ 3 × (45/35)? Raumtemperatur (Bad 24 °C!) berücksichtigt?
- Tauschliste mit Weg je Raum: Typ-Upgrade / Zusatzfläche / Gebläsekonvektor / Flächenheizung
- Ziel-Systemtemperatur festgelegt und mit WP-Kennlinie abgeglichen (JAZ ≥ 3,0 für die Förderung)
- Voreinstellbare Ventile + hydraulischer Abgleich Verfahren B eingeplant (Fördervoraussetzung)
- Umfeldmaßnahmen im KfW-458-Antrag erfasst (vor Auftragserteilung!)
- Dokumentation: Bestandsfotos, Tauschliste, Berechnungsblatt je Raum
Fazit: Zwei bis vier Heizkörper entscheiden über die JAZ
Die Altbau-Heizkörperfrage ist keine Glaubensfrage, sondern eine Kennlinien-Rechnung: Normleistung mal 0,51 oder 0,30, verglichen mit der raumweisen Heizlast. Meist zeigt sich dasselbe Bild — acht bis zehn Heizkörper haben dank alter Überdimensionierung genug Reserve, zwei bis vier (Konvektoren, Typ 11, das Bad) sind die Engpässe, die die Vorlauftemperatur des ganzen Hauses diktieren. Wer genau diese tauscht, statt pauschal alles zu erneuern, spart gegenüber dem Komplettaustausch mehrere tausend Euro, sichert die Förder-JAZ und holt 10–20 % Effizienz — die teuerste Entscheidung wäre, gar nicht zu rechnen.
Häufige Fragen zur Heizkörper-Strategie
Reichen alte Heizkörper wirklich für eine Wärmepumpe?
Überraschend oft ja — weil Altanlagen stark überdimensioniert wurden und die Heizlast nach Teilsanierungen gesunken ist. Die Antwort liefert die Schnellprüfung: Normleistung ≥ 2 × Raumheizlast bedeutet Tauglichkeit für 55/45 °C. Kritisch sind fast immer dieselben Kandidaten: einlagige Typ-10/11-Platten, Konvektoren und das Bad.
Warum nicht einfach die Vorlauftemperatur erhöhen statt zu tauschen?
Weil das ganze Haus den Preis zahlt: Jedes Kelvin mehr Vorlauf kostet 2–2,5 % Effizienz, 10 K entsprechen 20–25 %. Ein einzelner getauschter Heizkörper im Engpassraum ist fast immer billiger als jahrzehntelang erhöhte Stromkosten — und unter JAZ 3,0 steht zusätzlich die Förderung auf dem Spiel.
Mit welcher Übertemperatur muss ich im Bad rechnen?
Mit einer deutlich kleineren: Bei 24 °C Raumtemperatur und 50/40 °C System bleiben nur 21 K Übertemperatur — der Leistungsfaktor sinkt von 0,41 auf rund 0,32. Deshalb ist das Bad der klassische Kandidat für Gebläsekonvektor oder Badheizkörper mit E-Heizstab, statt die Heizkurve des Hauses hochzuziehen.
Was bringt der Probewinter, wenn ohnehin gerechnet wird?
Er validiert die Rechnung am realen Objekt: Verdeckte Probleme wie verschlammte Stränge, falsch eingestellte Ventile oder zugebaute Heizkörper zeigt keine Heizlastberechnung. Außerdem überzeugt er Kunden — „Ihr Haus wurde diesen Winter bereits mit 50 °C warm" ist das beste Verkaufsargument für die Wärmepumpe.
Sind spezielle „Wärmepumpen-Heizkörper" nötig?
Meist nicht. Niedertemperatur-Heizkörper und Gebläsekonvektoren sind wertvolle Werkzeuge für Engpassräume, aber der Standardweg ist das Typ-Upgrade auf 22/33 in gleicher Baulänge. Wichtig beim Vergleich: Herstellerangaben immer auf das konkrete Temperaturpaar beziehen (z. B. 45/35/20) — einen physikalischen „Niedertemperatur-Bonus" gibt es nicht, auch diese Geräte folgen der Kennlinie.
Stand: 9. Juli 2026. Alle Förder- und Preisangaben ohne Gewähr; maßgeblich sind die offiziellen Programmbedingungen. Normgrundlagen: DIN EN 442, DIN EN 12831, VDI 4645, BEG-EM-Mindestanforderungen (JAZ ≥ 3,0).
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