Hydraulischer Abgleich Verfahren B — Praxis-Anleitung
Verfahren B Schritt für Schritt: raumweise Heizlast, Heizflächen-Check, kv-Voreinstellung, Pumpeneinstellung, VdZ-Formular — mit durchgerechnetem Beispiel.
Der hydraulische Abgleich nach Verfahren B ist bei jeder geförderten Wärmepumpe Pflicht — und bei jeder ungeförderten trotzdem der Schlüssel zur niedrigen Vorlauftemperatur. Trotzdem landen in Gutachten regelmäßig Anlagen, deren „Abgleich" aus identischen Voreinstellstufen an allen Ventilen besteht. Diese Praxis-Anleitung führt durch das komplette Verfahren an einem durchgerechneten Einfamilienhaus: raumweise Heizlast, Heizflächen-Check, Volumenströme, Voreinstellwerte, Pumpeneinstellung und der VdZ-Nachweis.
Das Wichtigste in Kürze
- Verfahren B heißt: raumweise Heizlast (DIN EN 12831, ggf. vereinfacht), berechnete Voreinstellwerte je Ventil, dokumentierte Pumpeneinstellung — bestätigt auf dem VdZ-Formular.
- Für die KfW-458-Heizungsförderung ist Verfahren B technische Mindestanforderung; das pauschale Verfahren A genügt nicht.
- Kernformel: V̇ [m³/h] = Q̇ [kW] ÷ (1,163 × ΔT [K]) — bei Wärmepumpen mit 5–8 K Spreizung rechnen.
- Der oft übersprungene Schritt 2 entscheidet: Reichen die Heizflächen für die Ziel-Vorlauftemperatur? Bei 45/38 °C liefert ein Heizkörper nur noch rund ein Drittel seiner Normleistung.
- Ohne Abgleich kostet die überhöhte Vorlauftemperatur erfahrungsgemäß 0,3–0,5 JAZ-Punkte — jedes vermiedene Kelvin bringt 2–2,5 % Effizienz.
Verfahren A oder B: Warum die Unterscheidung über die Förderung entscheidet
Die VdZ (Spitzenverband der Gebäudetechnik) hat zwei Nachweisverfahren etabliert. Verfahren A schätzt pauschal — Gebäude-Heizlast überschlägig, Ventile nach Erfahrungswerten. Verfahren B rechnet raumweise und macht jeden Einstellwert nachvollziehbar:
| Kriterium | Verfahren A (pauschal) | Verfahren B (raumweise) |
|---|---|---|
| Heizlast | Gebäude gesamt, geschätzt | je Raum berechnet (DIN EN 12831, ggf. vereinfacht) |
| Heizflächen | nicht bewertet | je Raum gegen Ziel-Vorlauftemperatur geprüft |
| Ventileinstellung | Tabellen-/Erfahrungswerte | berechneter Voreinstellwert je Ventil |
| Pumpe | Grundeinstellung | berechnete Förderhöhe, dokumentiert |
| Dokumentation | einfach | vollständig: Raumliste, Durchflüsse, Einstellwerte |
| KfW 458 (Wärmepumpe) | nicht ausreichend | vorgeschrieben |
Wichtig für die Beratung: Der Abgleich ist kein Förderbonus, sondern Voraussetzung — ohne dokumentiertes Verfahren B steht der gesamte Zuschuss (30–80 % auf bis zu 28.000 € förderfähige Kosten; BEG-Reform, gültig ab 21.07.2026) infrage. Die Kosten des Abgleichs zählen selbst zu den förderfähigen Ausgaben. In Gebäuden ab sechs Wohneinheiten verlangt zusätzlich § 60c GEG den Abgleich beim Heizungseinbau; im Ein- und Zweifamilienhaus folgt die Pflicht praktisch aus Förderbedingungen und anerkannten Regeln der Technik.
Das Beispielhaus für alle folgenden Rechnungen
Einfamilienhaus, Baujahr 1995, teilsaniert (neue Fenster, Dach gedämmt), 130 m², Auslegung 20 °C innen / −12 °C außen, Bad 24 °C. Heizflächen: Heizkörper, Küche mit Fußbodenheizungskreis. Ziel-Systemtemperatur für den Wärmepumpenbetrieb: 45/38 °C (Spreizung 7 K).
Schritt 1: Heizlast raumweise berechnen
Je Raum werden Transmissionsverluste (Fläche × U-Wert × Temperaturdifferenz) und Lüftungsverluste summiert — Lüftung wird addiert und ist in dichten Gebäuden oft der größte Einzelposten. Für den Abgleich im Bestand ist das vereinfachte raumweise Verfahren zulässig; Software nimmt die Raumdaten auf und liefert die Voreinstellwerte gleich mit. Ergebnis im Beispielhaus:
| Raum | Fläche | Heizlast | spezifisch |
|---|---|---|---|
| Wohnzimmer (Eckraum) | 30 m² | 2.150 W | 72 W/m² |
| Schlafzimmer | 16 m² | 950 W | 59 W/m² |
| Kinderzimmer 1 | 14 m² | 900 W | 64 W/m² |
| Kinderzimmer 2 | 13 m² | 850 W | 65 W/m² |
| Küche (FBH-Kreis) | 14 m² | 800 W | 57 W/m² |
| Arbeitszimmer | 12 m² | 730 W | 61 W/m² |
| Bad (24 °C) | 9 m² | 720 W | 80 W/m² |
| Diele EG | 12 m² | 500 W | 42 W/m² |
| Flur OG | 10 m² | 400 W | 40 W/m² |
| Gesamt | 130 m² | 8.000 W | 62 W/m² |
62 W/m² sind für ein teilsaniertes Haus dieser Generation plausibel (grobe Spannen: Neubau 25–50, unsanierter Altbau 100–150 W/m²). Wer hier auf 30 W/m² oder 150 W/m² kommt, prüft zuerst die Randbedingungen — die Heizlast ist das Fundament aller weiteren Schritte.
Schritt 2: Heizflächen-Check — reichen 45/38 °C?
Der am häufigsten übersprungene Schritt. Heizkörper sind historisch für 75/65 °C ausgelegt; bei Wärmepumpen-Temperaturen bricht ihre Leistung ein (Heizkörperexponent ≈ 1,3):
Für jeden Raum gilt der Dreisatz: benötigte Normleistung ≈ Raumheizlast ÷ Leistungsfaktor. Im Beispielhaus wird das Bad zum kritischen Raum: 720 W Heizlast, vorhandener Heizkörper mit 1.900 W Normleistung — bei 45/38 °C bleiben davon rund 630 W. Zu wenig. Die Alternativen: diesen einen Heizkörper vergrößern (z. B. Typ 22 gegen Typ 33 bzw. größere Bauhöhe) — oder die Vorlauftemperatur des gesamten Hauses auf 50 °C anheben. Genau diese Abwägung ist der Kern des Heizflächen-Checks: Ein einziger knapper Raum diktiert sonst die Effizienz der ganzen Anlage, denn jedes Kelvin mehr Vorlauf kostet 2–2,5 % Strom.
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Jetzt startenSchritt 3: Volumenstrom je Raum berechnen
V̇ [m³/h] = Q̇ [kW] ÷ (1,163 × ΔT [K]) — gleichwertig: V̇ = Q̇ × 0,86 ÷ ΔT.
Achtung, klassischer Stolperstein: Die Konstante ist 1,163 kWh/(m³·K) (Wärmekapazität von Wasser). Wer mit 0,163 rechnet oder kW und W mischt, liegt um Faktoren daneben. Plausibilitätsanker: normale Heizkörperräume 100–400 l/h, ein ganzes EFH 1–2 m³/h.
Im Beispiel bei einheitlich 7 K Spreizung:
- Wohnzimmer: 2,15 ÷ (1,163 × 7) = 0,264 m³/h = 264 l/h (≈ 4,4 l/min)
- Küche (FBH-Kreis): 0,80 ÷ 8,141 = 98 l/h (≈ 1,6 l/min am Topmeter)
- Bad: 0,72 ÷ 8,141 = 88 l/h
Die Summe von rund 980 l/h ist zugleich die Kontrollgröße für Schritt 5: Sie muss zum Nenn-Volumenstrom und zum Mindestvolumenstrom der Wärmepumpe passen.
Schritt 4: Voreinstellwert je Ventil bestimmen
Aus Soll-Volumenstrom und verfügbarem Differenzdruck am Ventil folgt der erforderliche kv-Wert:
kv = V̇ ÷ √Δp (V̇ in m³/h, Δp in bar)
Beispiel Wohnzimmer mit 100 mbar (= 0,1 bar) am Ventil: kv = 0,264 ÷ √0,1 ≈ 0,84. Kinderzimmer 1: 0,111 ÷ 0,316 ≈ 0,35. Die zugehörige Voreinstellstufe liefert das Ventildiagramm des Herstellers (kv-Wert bei 2 K Proportionalabweichung, „kv2K") — bei gängigen DN-15-Voreinstellventilen liegen diese kv-Werte im mittleren Skalenbereich. Zur Einordnung: Unlimitiert offen haben solche Ventile oft kv 1,0–2,0 — ohne Voreinstellung zieht der pumpennahe Heizkörper also ein Mehrfaches seines Solls.
Drei Praxisregeln:
- Software statt Einheitsdruck: Real steht an nahen Ventilen mehr Differenzdruck an als an fernen — die Abgleich-Software rechnet das strangweise durch und gibt direkt Stufen aus (z. B. DanBasic von Danfoss, EasyPlan von IMI Heimeier, OVplan von Oventrop).
- Alte Ventile ohne Voreinstellung müssen getauscht werden (Richtwert 30–100 € je Heizkörper) — ohne einstellbare Drossel bleibt Verfahren B Theorie.
- Fußbodenheizung: Der Abgleich läuft über die Durchflussanzeiger (Topmeter) am Verteiler — je Kreis der berechnete Wert in l/min (Küche im Beispiel: 1,6 l/min), nicht „alle Kreise gleich auf".
Schritt 5: Pumpe und Überströmventil einstellen
Die berechneten Durchflüsse stellen sich nur beim passenden Differenzdruck ein. Die Hocheffizienzpumpe wird auf Δp-variabel und die minimal nötige Förderhöhe des ungünstigsten Strangs gestellt — im Beispielhaus liegt sie überschlägig bei 0,2–0,3 bar (2–3 m); die Werkseinstellung „Maximum" ist einer der häufigsten stillen Stromfresser und erzeugt Ventilpfeifen. Ein Überströmventil wird so justiert, dass es im Auslegungsbetrieb geschlossen bleibt und nur beim Schließen vieler Ventile öffnet — ein dauerhaft offener Bypass hebt die Rücklauftemperatur und sabotiert den Abgleich.
Wärmepumpen-Spezifikum: Der Mindestvolumenstrom des Geräts (Herstellerangabe, hier ca. 980 l/h Nennbereich) muss in jedem Betriebszustand gesichert sein — über ausreichend offene Referenzkreise, das Überströmventil oder einen Puffer. Wird er unterschritten, schaltet der Hochdruckschutz ab, und die Anlage wirkt wie ein Taktungsfall.
Schritt 6: Dokumentieren — das VdZ-Formular
Der Nachweis läuft über das VdZ-Formular „Bestätigung des hydraulischen Abgleichs". Vollständig heißt: Heizlast je Raum, Auslegungs-Vorlauftemperatur, berechnete Durchflüsse, Voreinstellwert je Ventil bzw. Topmeter-Wert je Kreis, Pumpeneinstellung — mit Datum und Unterschrift des Fachunternehmens. Das Formular gehört in die Unterlagen des Kunden: Es ist der Pflichtnachweis der KfW-458-Förderung und die Referenz jeder späteren Optimierung. Fotos der eingestellten Ventile und des Verteilers kosten zwei Minuten und ersparen jede spätere Diskussion.
Kontrolle am Objekt: vier Prüfgrößen
Nach dem Einregulieren (Thermostatköpfe voll geöffnet, Beharrungszustand):
| Prüfgröße | Soll | Befund bei Fehler |
|---|---|---|
| Raumtemperaturen | alle Räume ±1–2 K um Sollwert (mehrtägig) | ferne Räume kalt → Förderhöhe/Stufen prüfen |
| Spreizung gesamt | nahe Auslegung (hier 7 K) | sehr klein → Kurzschluss/Überströmventil offen |
| Rücklauf je Kreis | gleichmäßig temperiert (Anlegefühler) | einzelne Kreise heiß → Voreinstellung fehlt |
| Verhalten | Vorlauf absenkbar, kein Takten, kein Nachregeln | Takten → Mindestvolumenstrom klären |
Häufige Fehler beim Verfahren B
| Fehler | Folge | Vermeidung |
|---|---|---|
| Heizlast pauschal statt raumweise | Voreinstellwerte wertlos, Förderrisiko | raumweises (ggf. vereinfachtes) Verfahren nach DIN EN 12831 |
| Heizflächen-Check übersprungen | ein Raum diktiert überhöhten Vorlauf | Schritt 2 rechnen, kritische Heizkörper tauschen |
| Konstante 1,163 verfehlt (Einheiten) | Volumenströme um Faktoren daneben | Plausibilitätsanker 100–400 l/h je Raum nutzen |
| Alle Ventile gleiche Stufe | kein Abgleich, nur Optik | Stufen je Ventil aus Berechnung/Diagramm |
| Pumpe auf Werksmaximum | Geräusche, Stromverbrauch, instabile Regelung | Δp-variabel, minimal nötige Förderhöhe |
| Überströmventil dauerhaft offen | hoher Rücklauf, Spreizung bricht ein | Öffnungsdruck oberhalb Betriebspunkt justieren |
| Keine/lückenhafte Dokumentation | Fördernachweis fehlt, Abgleich „wertlos" | VdZ-Formular vollständig, Kopie an Kunden |
Kosten und Einordnung
Als Einzelauftrag im Einfamilienhaus kostet Verfahren B etwa 800–1.500 € (je nach Größe und Ventilbestand, zzgl. 30–100 € je zu tauschendem Ventil); im Paket mit dem Heizungstausch ist es deutlich günstiger und gehört ohnehin in den Angebotsumfang. Die Gegenrechnung: 5 K weniger Vorlauf sparen rund 12,5 % Wärmepumpen-Strom — je nach Haus 100–350 € pro Jahr, plus gleichmäßig warme Räume und weniger Taktung. Als nachträgliche Einzelmaßnahme „Heizungsoptimierung" ist der Abgleich nach BEG EM ebenfalls förderfähig (Antrag beim BAFA vor Beauftragung).
Fazit: Sechs Schritte, ein Formular, keine Abkürzung
Verfahren B ist kein Papierkram-Ritual, sondern die Rechenkette, die eine Wärmepumpe erst effizient macht: raumweise Heizlast → Heizflächen-Check → Volumenströme → Voreinstellwerte → Pumpe → VdZ-Nachweis. Jede Abkürzung rächt sich doppelt — als Effizienzverlust im Betrieb und als fehlender Nachweis im Förderfall. Wer die sechs Schritte am konkreten Objekt durchrechnet und dokumentiert, liefert dem Kunden beides: die niedrigstmögliche Vorlauftemperatur und ein belastbares Stück Papier.
Häufige Fragen zum Verfahren B
Welche Spreizung setze ich bei Wärmepumpen an?
Üblich sind 5–8 K statt der 10–20 K alter Kesselanlagen. Kleinere Spreizung heißt größere Volumenströme — und damit steigende Bedeutung von Ventilauswahl und Pumpeneinstellung, weil Rohrnetz-Druckverluste quadratisch mit dem Volumenstrom wachsen.
Reicht das vereinfachte Heizlastverfahren für Verfahren B?
Für den Abgleich im Bestand ja — die raumweise Heizlast darf nach dem vereinfachten Verfahren ermittelt werden. Entscheidend ist, dass je Raum gerechnet und je Ventil ein berechneter Voreinstellwert dokumentiert wird, nicht das aufwendigste Normverfahren.
Was tun, wenn ein einzelner Raum die Ziel-Vorlauftemperatur sprengt?
Fast immer ist der Tausch dieses einen Heizkörpers (größerer Typ, größere Fläche) wirtschaftlicher, als die Vorlauftemperatur des ganzen Hauses anzuheben — die Anhebung kostet dauerhaft 2–2,5 % Effizienz je Kelvin, der Heizkörpertausch einmalig wenige hundert Euro.
Wie wird eine Fußbodenheizung nach Verfahren B abgeglichen?
Über die raumweise berechneten Durchflüsse an den Topmetern des Verteilers (l/min je Kreis). Fehlen Durchflussanzeiger, wird der Verteiler nachgerüstet oder getauscht. „Alle Kreise voll auf" ist das FBH-Pendant zum nicht abgeglichenen Heizkörpernetz.
Muss der Abgleich später wiederholt werden?
Nicht turnusmäßig — er gilt, solange die Anlage unverändert bleibt. Neu gerechnet wird nach Dämmmaßnahmen, Heizflächentausch oder Erzeugerwechsel. Plötzlich ungleiche Räume oder eine einbrechende Spreizung sind ein Prüfanlass; meist ist dann eine Komponente verstellt.
Stand: 9. Juli 2026. Alle Förder- und Preisangaben ohne Gewähr; maßgeblich sind die offiziellen Programmbedingungen (KfW 458, BEG EM). Grundlagen: DIN EN 12831-1, VdZ-Verfahren A/B, VDI 4645, GEG § 60c, VOB/C ATV DIN 18380.
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