Solarthermie und Biomasse — Die erste Welle der Erneuerbaren
Von der Ölkrise 1973 zum Solarthermie-Rekord 2008: die Geschichte von Solarthermie und Pelletheizung — und ihre neue Rolle neben der Wärmepumpe.
Bevor die Wärmepumpe zum Standard wurde, bewiesen zwei andere Technologien, dass Heizen ohne Öl und Gas funktioniert: Solarthermie und Holzpellets. Ihr größtes Jahr erlebte die Solarthermie 2008, als in Deutschland 2,1 Millionen Quadratmeter Kollektorfläche neu installiert wurden — ein Rekord, der bis heute steht. Teil 7 unserer Serie zur Geschichte der Heizungstechnik erzählt, wie die erste Welle der Erneuerbaren entstand, warum sie wieder abebbte und welche Rolle beide Technologien heute neben der Wärmepumpe spielen.
Das Wichtigste in Kürze
- Die Ölkrise 1973 war der Geburtshelfer beider Technologien: Steigende Energiepreise machten Sonne und Holz erstmals zur ernsthaften Alternative.
- 2008 war das Rekordjahr der Solarthermie: 2,1 Millionen m² neue Kollektorfläche, rund 210.000 Anlagen — 120 % mehr als im Vorjahr.
- Holzpellets entstanden in den 1970er Jahren in den USA; in Deutschland sind sie seit 1997 als Brennstoff zugelassen.
- Der Mythos der stabilen Pelletpreise fiel 2022: In der Energiekrise stiegen die Preise zeitweise auf etwa das Doppelte.
- Heute sind beide Technologien vor allem Ergänzung: Sie erfüllen die 65-%-EE-Anforderung des GEG und werden über KfW 458 mit 30 bis 80 % gefördert (BEG-Reform, beschlossen 08.07.2026, gültig ab 21.07.2026; endgültiger Richtlinientext ausstehend).
Solarthermie: Vom Schwimmbadabsorber zum Rekordjahr
Die Idee, Wasser mit Sonnenlicht zu erwärmen, ist alt — erste kommerzielle Solar-Warmwasserbereiter wurden bereits Ende des 19. Jahrhunderts in den USA verkauft. In Deutschland blieb die Technik jedoch lange Nischensache. Der Auslöser für die Marktentwicklung war die Ölkrise 1973: Der vervierfachte Ölpreis, die politische Sorge um die Importabhängigkeit und ein erwachendes Umweltbewusstsein schufen den Nährboden für solare Wärmeerzeugung.
Die ersten großflächigen Anwendungen waren Schwimmbadabsorber — einfache schwarze Kunststoffmatten, durch die Beckenwasser floss. Sie demonstrierten das Prinzip auf eine Weise, die jeder nachvollziehen konnte: Die Sonne erwärmt das Wasser, ganz ohne Brennstoff.
Flachkollektor und Vakuumröhre
In den 1970er und 1980er Jahren reiften zwei Kollektor-Bauarten heran. Der Flachkollektor — eine verglaste, gedämmte Box mit beschichtetem Absorberblech — wurde zum Standard für die Warmwasserbereitung: robust, vergleichsweise günstig, zuverlässig. Ab den 1980er Jahren kamen Vakuumröhrenkollektoren hinzu, deren evakuierte Glasröhren Wärmeverluste minimieren. Sie liefern auch bei diffusem Licht und niedrigen Außentemperaturen noch nutzbare Erträge. Typische Jahreserträge liegen je nach Bauart, Ausrichtung und Nutzung bei 350 bis 550 kWh pro Quadratmeter Kollektorfläche.
2008: Das Jahr, in dem die Sonne boomte
Die goldene Zeit der Solarthermie war das Jahr 2008: In Deutschland wurden 2,1 Millionen Quadratmeter Kollektorfläche installiert — rund 120 % mehr als im Vorjahr und etwa 40 % über dem bisherigen Rekord von 2006 (1,5 Millionen m²). Rund 210.000 Anlagen gingen in einem einzigen Jahr in Betrieb. Der Hauptgrund: Erdgas- und Heizölpreise waren 2007/2008 drastisch gestiegen — der Ölpreis erreichte im Sommer 2008 sein damaliges Allzeithoch.
Der lange Abstieg
Nach 2008 folgte ein fast kontinuierlicher Rückgang. Die Ölpreise fielen (besonders 2014 bis 2016), fossiles Heizen wurde relativ zur Solaranlage wieder billiger. Vor allem aber wuchs eine Konkurrenz auf dem eigenen Dach: Die Photovoltaik wurde durch massiven Preisverfall wirtschaftlicher und flexibler — Solarstrom lässt sich heizen, speichern, einspeisen oder verkaufen, Solarwärme nur nutzen, wenn sie gerade gebraucht wird. Ein kurzes Zwischenhoch während der Energiekrise 2020 bis 2022 änderte am Langfristtrend nichts.
Damit wandelte sich die Rolle: Die Solarthermie ist heute keine eigenständige Heizlösung mehr, sondern eine Ergänzungstechnologie — etwa zur Warmwasserbereitung im Sommer, zur Heizungsunterstützung in der Übergangszeit oder als Partner in Hybridanlagen.
Pelletheizung: Holz in Normform
Ursprung in den USA, Durchbruch in Österreich
Holzpellets — genormte Presslinge aus trockenem Sägerestholz — entstanden in den 1970er Jahren in den USA, ebenfalls als Reaktion auf die Ölkrise. Die Sägeindustrie suchte eine Verwertung für ihre Späne, und Pellets boten erstmals einen Holzbrennstoff, der sich wie Öl automatisch fördern und dosieren ließ: rieselfähig, lagerstabil, mit definiertem Heizwert.
In Europa übernahm Österreich die Vorreiterrolle. Mit großen Waldbeständen und einer starken Kesselindustrie brachte das Land Mitte der 1990er Jahre die ersten serienreifen Pelletkessel Europas auf den Markt. Bis heute hat Österreich eine der höchsten Pelletheizungs-Dichten Europas.
Deutschland ab 1997
In Deutschland wurden Holzpellets erst 1997 als Brennstoff zugelassen; der Markt entwickelte sich zunächst zögerlich, auch wegen der Debatte um Feinstaub aus Holzfeuerungen. Ab Mitte der 2000er Jahre gewann die Pelletheizung an Fahrt — getragen vom Marktanreizprogramm des Bundes und von steigenden Öl- und Gaspreisen. Moderne Pelletkessel arbeiten vollautomatisch: Förderschnecke oder Saugsystem transportieren die Pellets vom Lager zum Brenner, die Regelung passt die Leistung an, übrig bleibt wenig Asche.
Der Preisschock 2022: Abschied von einem Mythos
Pellets galten lange als preisstabil — abgekoppelt von den Kapriolen der Öl- und Gasmärkte. Diese Erwartung hat die Energiekrise widerlegt: 2022 stiegen auch die Pelletpreise steil an, in der Spitze auf etwa das Doppelte des gewohnten Niveaus, getrieben von Nachfragesprüngen, Rohholz- und Transportkosten. Die Preise beruhigten sich danach wieder, doch die Lehre bleibt: Kein Energieträger ist immun gegen Krisen.
Ein verbreiteter Irrtum gehört dabei korrigiert: Deutschland ist kein Pellet-Importland, sondern zählt zu den größten Pelletproduzenten Europas — Rohstoffbasis ist überwiegend Sägerestholz aus der heimischen Holzindustrie. Preisrisiken entstehen weniger durch Importabhängigkeit als durch Nachfrageschwankungen und die Konjunktur der Sägewerke, deren Restholz den Rohstoff liefert.
Nachhaltigkeit: Wann Biomasse wirklich klimafreundlich ist
Holz verbrennt nur dann annähernd klimaneutral, wenn die Wälder nachwachsen und die Verarbeitungskette sauber ist. Für größere Anlagen regelt das seit Ende 2021 die Biomassestrom-Nachhaltigkeitsverordnung (BioSt-NachV), die europäische Vorgaben (Erneuerbare-Energien-Richtlinie RED II) umsetzt: Betreiber müssen unter anderem erhebliche Treibhausgaseinsparungen gegenüber fossilen Referenzwerten nachweisen, Biomasse aus Entwaldung, Moor- oder Schutzgebieten ist ausgeschlossen, und die Herkunft muss lückenlos dokumentiert und durch anerkannte Zertifizierungssysteme auditiert werden. Die Pflichten gelten ab bestimmten Leistungsschwellen — private Pelletkessel fallen nicht darunter.
Für Heizungen im Eigenheim sichern andere Instrumente die Qualität: die Brennstoffnorm (ENplus- bzw. DINplus-zertifizierte Pellets nach ISO 17225-2) und die Emissionsgrenzwerte der 1. BImSchV für Staub und Kohlenmonoxid. Die Heizungsförderung setzte bis zur BEG-Reform noch einen drauf: Den Emissionsminderungszuschlag von pauschal 2.500 € gab es nur für Biomasseheizungen, die einen Staubgrenzwert von 2,5 mg/m³ einhalten — praktisch also für Anlagen mit Staubabscheider; mit der BEG-Reform ist dieser Zuschlag entfallen.
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Jetzt startenHeute: Ergänzung statt Hauptrolle
Die stärkste Zukunftsrolle beider Technologien liegt in der Kombination — vor allem mit der Wärmepumpe.
Der Grund liegt im Jahresverlauf: Solarthermie liefert ihren maximalen Ertrag im Sommer — genau dann, wenn die Wärmepumpe fast nur Warmwasser bereiten muss und dafür vergleichsweise hohe Temperaturen fahren müsste. Übernimmt die Solaranlage diese Aufgabe, spart die Wärmepumpe Strom und Verdichter-Laufzeit. Im Winter, wenn der Solarertrag klein und der Heizbedarf groß ist, übernimmt die Wärmepumpe. Ein Pufferspeicher verbindet beide Welten.
Pelletheizungen wiederum bleiben eine vollwertige Hauptheizung — interessant vor allem in ländlichen Regionen, in unsanierten Gebäuden mit hohen Vorlauftemperaturen, in denen Wärmepumpen an ihre Effizienzgrenzen stoßen, und überall dort, wo Lagerraum und regionale Holzlogistik vorhanden sind. Auch Hybridlösungen aus Wärmepumpe und Holzkessel sind möglich: Die Wärmepumpe trägt die Grundlast, der Kessel springt an den kältesten Tagen ein.
Rechtlicher Rahmen und Förderung (Stand Juli 2026)
Nach dem geltenden GEG 2024 erfüllen Solarthermie-Hybridheizungen und Biomasseheizungen die 65-%-Erneuerbare-Anforderung. Gefördert wird der Einbau über die Heizungsförderung der KfW (Zuschuss 458): 30 % Grundförderung, mit Boni (Klimageschwindigkeit, Einkommen) bis maximal 80 % der förderfähigen Kosten von 28.000 € für die erste Wohneinheit — der frühere Emissionsminderungszuschlag von 2.500 € für Biomasse ist mit der BEG-Reform entfallen.
Ein Blick nach vorn: Das geplante Gebäudemodernisierungsgesetz (GModG) — Stand 3. Juli 2026 im Bundestagsverfahren, noch nicht beschlossen — würde die 65-%-Regel durch einen Katalog von Heizungsoptionen ersetzen. Für neu eingebaute Gas- und Ölheizungen sieht der Entwurf ab 2029 steigende Bio-Brennstoffanteile vor; die ersten beiden Stufen sollen sich alternativ durch eine Solarthermieanlage erfüllen lassen (mindestens 0,04 m² Aperturfläche je m² Nutzfläche bei bis zu zwei Wohneinheiten, 0,03 m² bei größeren Gebäuden). Sollte das so kommen, bekäme die Solarthermie eine neue, gesetzlich definierte Nebenrolle.
Einordnung: Die Wegbereiter der Wärmewende
Solarthermie und Biomasse waren die Wegbereiter der erneuerbaren Wärme in Deutschland. Sie bewiesen ab den 1970er Jahren, dass Heizen ohne fossile Brennstoffe möglich ist — lange bevor Wärmepumpen massentauglich wurden. Sie schufen Handwerks-Know-how, Förderstrukturen und das gesellschaftliche Bewusstsein, auf dem die heutige Wärmewende aufbaut.
Dass die Wärmepumpe ihnen die Hauptrolle abgenommen hat, schmälert diese Leistung nicht. Es zeigt eher ein Grundmuster der Heizungsgeschichte: Technologien werden nicht schlecht, sie werden überholt — und finden dann ihre passende Nische. Für die Solarthermie heißt die Nische Warmwasser und Hybridbetrieb, für die Pelletheizung das schwer dämmbare Bestandsgebäude und der ländliche Raum.
Häufige Fragen zu Solarthermie und Biomasse
Lohnt sich Solarthermie heute überhaupt noch?
Als alleinige Heizung nie, als Ergänzung manchmal: sinnvoll vor allem zur Warmwasserbereitung bei hohem Verbrauch, zur Entlastung eines Bestandskessels oder in Kombination mit Wärmepumpe und Pufferspeicher. Wer die Dachfläche nur einmal belegen kann, fährt mit Photovoltaik meist flexibler — Solarstrom kann auch die Wärmepumpe antreiben.
Werden Solarthermie und Pelletheizung 2026 noch gefördert?
Ja. Beide gelten als förderfähige Heizungstechnik in der Heizungsförderung (KfW-Zuschuss 458): 30 % Grundförderung, mit Boni bis 80 % von maximal 28.000 € förderfähigen Kosten für die erste Wohneinheit. Der frühere Zuschlag von pauschal 2.500 € für Biomasseheizungen mit besonders niedrigem Staubausstoß (max. 2,5 mg/m³) ist mit der BEG-Reform entfallen. Der Antrag muss vor Abschluss des Liefer- oder Leistungsvertrags gestellt werden.
Sind Pellets wirklich klimafreundlich?
Bei der Verbrennung wird nur das CO₂ frei, das der Baum zuvor gebunden hat — entscheidend sind also nachhaltige Forstwirtschaft, kurze Transportwege und saubere Verbrennung. Deutsche Pellets bestehen überwiegend aus Sägerestholz, einem Nebenprodukt der Holzindustrie. Kritisch bleiben Feinstaubemissionen; moderne Kessel mit Abscheider senken sie deutlich unter die gesetzlichen Grenzwerte.
Was würde das GModG für Solarthermie ändern?
Der Gesetzentwurf (Stand 3. Juli 2026, nicht beschlossen) sieht vor, dass neu eingebaute Gas- und Ölheizungen ab 2029 steigende Anteile biogener Brennstoffe nutzen müssen. Die ersten beiden Stufen dieser Pflicht sollen sich ersatzweise durch eine ausreichend große Solarthermieanlage erfüllen lassen. Ob und in welcher Form das Gesetz kommt, entscheidet das laufende parlamentarische Verfahren.
Stand: 9. Juli 2026. Alle Förder- und Preisangaben ohne Gewähr; maßgeblich sind die offiziellen Programmbedingungen.
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