Die Wärmepumpe — Von der Erfindung 1852 bis zum Marktdurchbruch 2023
Von Carnot 1824 über die Zürcher Großwärmepumpe 1938 bis zu 299.000 verkauften Geräten 2025: die Geschichte der Wärmepumpe mit allen Meilensteinen.
Die Wärmepumpe wirkt wie eine Erfindung des 21. Jahrhunderts — tatsächlich ist sie eine der ältesten thermodynamischen Maschinen überhaupt. Ihre Theorie stammt von 1824, das Funktionsprinzip wurde 1852 formuliert, die erste Anlage lief in den 1850er Jahren. Dass sie erst jetzt zum dominierenden Heizsystem wird, lag nie an der Technik, sondern an den Rahmenbedingungen: Fossile Brennstoffe waren schlicht zu billig und zu bequem. Teil 8 unserer Serie erzählt die 200-jährige Geschichte einer Idee, die 2025 erstmals knapp die Hälfte des deutschen Wärmeerzeuger-Markts eroberte.
Das Wichtigste in Kürze
- 1824 beschrieb Sadi Carnot den idealen Kreisprozess, 1852 formulierte William Thomson (Lord Kelvin) das Wärmepumpen-Prinzip.
- Die erste funktionsfähige Wärmepumpe baute Peter von Rittinger 1855–1857 in einer Saline im österreichischen Ebensee.
- Die Schweiz war Pionierland: 1938 erhielt das Zürcher Rathaus eine Großwärmepumpe, die der Limmat Wärme entzog.
- Deutschland: erster Anlauf nach der Ölkrise 1973, Ernüchterung in den 1980ern, Reifung ab 2000 — Rekord 2023 mit 356.000 Geräten.
- 2025 wurden 299.000 Heizungswärmepumpen verkauft (+55 %) — erstmals knapp die Hälfte aller abgesetzten Wärmeerzeuger.
Die Theoretiker: Carnot und Lord Kelvin
Die physikalische Grundlage legte der französische Ingenieur Nicolas Léonard Sadi Carnot 1824 mit seiner Abhandlung über die Leistungsfähigkeit von Wärmekraftmaschinen. Er beschrieb den idealen thermodynamischen Kreisprozess — den Carnot-Prozess —, der bis heute die theoretische Obergrenze jeder Wärmemaschine definiert. Auch der maximale COP einer Wärmepumpe leitet sich aus Carnots Formel ab: Je kleiner der Temperaturhub zwischen Wärmequelle und Heizsystem, desto effizienter die Maschine. Diese Erkenntnis von 1824 erklärt noch heute, warum Fußbodenheizungen der ideale Partner der Wärmepumpe sind.
William Thomson, der spätere Lord Kelvin, dachte den Prozess 1852 rückwärts: Statt aus Wärme Arbeit zu gewinnen, könne man mit Arbeit Wärme von einem niedrigen auf ein höheres Temperaturniveau „pumpen" — und Gebäude damit effizienter beheizen als mit direkter Verbrennung. Kelvin beschrieb damit exakt das Prinzip der modernen Wärmepumpe, mehr als 170 Jahre bevor sie zum Massenprodukt wurde.
Die Pioniere: Von der Theorie zur Maschine
Peter von Rittinger — die erste Wärmepumpe (1855–1857)
Der österreichische Ingenieur Peter von Rittinger baute zwischen 1855 und 1857 die erste funktionsfähige Wärmepumpe der Welt — nicht als Heizung, sondern als Industrieanlage: In der Saline im österreichischen Ebensee nutzte seine Dampfkompressionsanlage mit rund 14 kW Leistung den Brüdendampf der Sole, um weitere Sole einzudampfen und Salz zu gewinnen. Der Zweck war Brennholzersparnis, der Nebeneffekt historisch: der Beweis, dass sich Wärme mit mechanischer Arbeit „hochpumpen" lässt.
T.G.N. Haldane — der wissenschaftliche Nachweis (um 1930)
Ende der 1920er Jahre untersuchte der britische Ingenieur T.G.N. Haldane systematisch, ob elektrische Wärmepumpen Gebäude beheizen können — unter anderem mit einer Versuchsanlage am eigenen Wohnhaus in Schottland. Seine 1930 veröffentlichte Arbeit gilt als Gründungstext der Wärmepumpenheizung: Sie zeigte, dass die Technik nicht nur funktioniert, sondern gegenüber direkter elektrischer Beheizung deutlich wirtschaftlicher arbeitet.
John Sumner — die erste reine Heizungs-Wärmepumpe (1945–1948)
Der britische Elektroingenieur John Sumner installierte ab 1945 in Norwich eine elektrisch angetriebene Wärmepumpe, die ausschließlich der Gebäudebeheizung diente — Wärmequelle war ein Fluss. Für die Anlage berichtete er eine Arbeitszahl von 3,42: Aus einer Kilowattstunde Strom wurden mehr als drei Kilowattstunden Wärme. Ein Wert, der auch nach heutigen Maßstäben respektabel ist — moderne Bestandsanlagen erreichen je nach Quelle und Gebäude Jahresarbeitszahlen von 3,0 bis 5,0.
Die Schweiz: Pionierland aus der Not
Eine Sonderrolle spielte die Schweiz. Das Land hatte keine eigene Kohle, aber reichlich Strom aus Wasserkraft — und ab 1939 unterbrach der Krieg die Brennstoffimporte. Zwischen 1938 und 1955 entstanden deshalb rund 60 Wärmepumpenanlagen, zu einer Zeit, als der Rest Europas fossil heizte.
Die berühmteste Installation: das Zürcher Rathaus, das ab 1938 mit einer Wärmepumpe beheizt wurde, die dem Wasser der Limmat Wärme entzog. Die Anlage blieb — mehrfach modernisiert — über sechs Jahrzehnte in Betrieb und gilt als Urahn aller Gewässer-Wärmepumpen. Schweizer Industriekonzerne wie Sulzer, Escher Wyss und Brown Boveri entwickelten in dieser Ära technische Standards, die die Wärmepumpentechnik über Jahrzehnte prägten.
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Erster Anlauf nach der Ölkrise (1970er–1980er)
Die Ölkrise 1973 gab auch in Deutschland den Anstoß. Mitte der 1970er Jahre brachten deutsche Hersteller ihre ersten Serien-Wärmepumpen auf den Markt — Stiebel Eltron startete 1976, Viessmann und Vaillant folgten Ende des Jahrzehnts. Die Installationszahlen stiegen zunächst steil, doch als die Ölpreise in den 1980ern wieder fielen, brach der junge Markt zusammen.
Zur billigen fossilen Konkurrenz kam unreife Technik: Frühe Wärmepumpen waren laut, erreichten niedrige Arbeitszahlen und scheiterten oft an den hohen Vorlauftemperaturen schlecht gedämmter Altbauten. Etliche Anlagen der ersten Welle wurden nach wenigen Jahren wieder durch Öl- oder Gaskessel ersetzt — eine Hypothek an Reputation, an der die Branche lange trug.
Die stille Revolution (2000er–2010er)
In den 2000er und 2010er Jahren reifte die Technik entscheidend: Invertergeregelte Verdichter ermöglichten modulierenden Betrieb statt hartem Takten, Effizienz und Schallwerte verbesserten sich Jahr für Jahr, elektronische Expansionsventile und bessere Regelungen holten mehr aus jedem Grad Quelltemperatur. Parallel verbesserte sich der Gebäudebestand: mehr Dämmung, mehr Flächenheizungen, niedrigere Vorlauftemperaturen. Ab etwa 2020 kam der Wechsel auf das natürliche Kältemittel R290 (Propan) hinzu, das hohe Vorlauftemperaturen ohne Klimaschaden ermöglicht — heute Standard bei neuen Luft/Wasser-Monoblocks.
Marktdurchbruch mit Delle (2022–2025)
Energiekrise 2022, GEG-Debatte und attraktive Förderung lösten den lange erwarteten Durchbruch aus — mit einem markanten Zwischentief:
| Jahr | Absatz Heizungs-WP (D) | Veränderung zur Vorzeile |
|---|---|---|
| 2015 | 57.000 | — |
| 2019 | 86.000 | +51 % (4 Jahre) |
| 2021 | 154.000 | +79 % (2 Jahre) |
| 2022 | 236.000 | +53 % |
| 2023 | 356.000 | +51 % |
| 2024 | 193.000 | −46 % |
| 2025 | 299.000 | +55 % |
2023 bleibt das Rekordjahr: 356.000 Wärmepumpen, getrieben von Energiekrise und vorgezogenen Käufen. Der Einbruch 2024 (−46 %) war kein Nachfrage-, sondern ein Verunsicherungsphänomen: Die zähe Debatte um das „Heizungsgesetz" und die Umstellung der Förderung ließen viele Eigentümer abwarten. 2025 folgte die Erholung: 299.000 Geräte (+55 %) — und ein historischer Symbolwert: Erstmals war knapp jeder zweite in Deutschland verkaufte Wärmeerzeuger eine Wärmepumpe. Die Luft/Wasser-Bauart dominierte mit 95 % Marktanteil (+59 %), Erdwärmepumpen legten mit 16.000 Stück (5 % Anteil) um 8 % zu. Die Förderstatistik zählte 2025 über 288.000 Zusagen mit Wärmepumpe (+91 %).
Die Hersteller: Wer die Branche geprägt hat
Viessmann (gegründet 1917). Familienunternehmen aus Allendorf (Eder), einer der größten europäischen Heiztechnik-Hersteller. Der 2023 vereinbarte Verkauf der Klimasparte an den US-Konzern Carrier Global für rund 12 Milliarden Euro war eine der größten Transaktionen der Branchengeschichte — und ein Signal, welchen strategischen Wert die Wärmepumpe inzwischen hat.
Vaillant (gegründet 1874). Remscheider Traditionshersteller mit über 150 Jahren Geschichte, positionierte die Wärmepumpe früh als Kernprodukt und investierte stark in R290-Technik.
Stiebel Eltron (Wärmepumpen seit 1976). Der Holzmindener Hersteller zählt zu den deutschen Wärmepumpen-Pionieren der ersten Stunde und hat eine der längsten durchgehenden Wärmepumpen-Erfahrungen im Land.
NIBE (gegründet 1952). Schwedischer Konzern, der sich früh auf Wärmepumpen spezialisierte — in Skandinavien, wo Strom billig und fossile Netze dünn waren, wurde die Wärmepumpe schon Jahrzehnte vor Deutschland Standard.
Daikin (gegründet 1924). Japanischer Klimatechnik-Konzern, gilt als weltgrößter Hersteller von Klimaanlagen und Wärmepumpen. Daikin brachte die Inverter-Technik aus der Klimatisierung in die europäische Heizungstechnik.
Einordnung: Das erste Heizsystem ohne Feuer
Die Geschichte der Heizungstechnik ist eine Geschichte steigender Effizienz: vom offenen Feuer (10–15 %) über den Kachelofen (70–80 %) und den Brennwertkessel (rund 98 %) bis zur Wärmepumpe, die mit Jahresarbeitszahlen von 3 bis 5 aus jeder Kilowattstunde Strom das Drei- bis Fünffache an Wärme macht — möglich, weil sie Umweltwärme nutzt, statt Brennstoff zu verbrennen.
Genau darin liegt der historische Bruch: Die Wärmepumpe ist das erste verbreitete Heizsystem ohne Verbrennung. Kein Schornstein, keine lokalen Abgase, kein Brennstofflager, keine Importabhängigkeit von Öl und Gas. In Kombination mit erneuerbarem Strom wird Heizen erstmals nahezu emissionsfrei. 200 Jahre nach Carnot und gut 170 Jahre nach Kelvins Idee ist die Wärmepumpe dort angekommen, wo Theorie und Praxis sich treffen: im Massenmarkt.
Häufige Fragen zur Geschichte der Wärmepumpe
Wer hat die Wärmepumpe erfunden?
Das Prinzip formulierte William Thomson (Lord Kelvin) 1852 auf Basis der Carnot-Theorie von 1824. Die erste funktionsfähige Anlage baute Peter von Rittinger 1855–1857 in der Saline Ebensee (Österreich) — allerdings zur Salzgewinnung. Die erste reine Heizungs-Wärmepumpe installierte John Sumner 1945–1948 im englischen Norwich.
Warum hat der Durchbruch so lange gedauert?
Weil Öl und Gas jahrzehntelang billig, bequem und politisch gewollt waren. Wärmepumpen lohnten sich nur dort, wo Strom günstig und Brennstoff knapp war — wie in der Schweiz ab 1938 oder in Skandinavien ab den 1980ern. Erst die Kombination aus ausgereifter Invertertechnik, CO₂-Bepreisung, Energiekrise 2022 und hoher Förderung machte die Wärmepumpe in Deutschland zur Standardlösung.
Warum brach der Markt 2024 ein, obwohl die Förderung hoch war?
Der Einbruch auf 193.000 Geräte (−46 %) folgte auf die aufgeheizte Debatte um das GEG 2024 und den Umbau der Förderung: Viele Eigentümer warteten ab. Mit stabilen Förderregeln (KfW-Zuschuss 458, 30 bis 70 %) erholte sich der Markt 2025 auf 299.000 Geräte — das zweitbeste Jahr der Geschichte.
Stand: 3. Juli 2026. Marktdaten: Bundesverband Wärmepumpe (BWP). Alle Förderangaben ohne Gewähr; maßgeblich sind die offiziellen Programmbedingungen.
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